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Fatale Bildergläubigkeit

Warum MRT- und Röntgenbefunde allein keine Operationsindikation sind und wie Patientinnen und Patienten Bildgebung sinnvoll einordnen.

zweitmeinungwirbelsäule

Bildgebung ist wichtig, aber sie ist nicht die Diagnose. Gerade bei Rücken- und Nackenschmerzen entsteht schnell der Eindruck, dass ein auffälliges MRI den Behandlungsweg bereits festlegt. Das ist ein häufiger Denkfehler.

Was Studien zu MRI-Befunden zeigen

Eine systematische Übersichtsarbeit zu asymptomatischen Personen zeigte, dass degenerative Veränderungen auf MRI mit dem Alter sehr häufig werden. In dieser Auswertung stieg die Häufigkeit von Bandscheibendegeneration von 37 % bei 20-Jährigen auf 96 % bei 80-Jährigen. Auch Bandscheibenwölbungen waren häufig, selbst ohne Beschwerden.

Eine weitere Meta-Analyse zeigte gleichzeitig: Bildbefunde sind bei Menschen mit Schmerzen zwar häufiger als bei beschwerdefreien Personen, sie erklären die Beschwerden aber nicht automatisch allein. Genau deshalb muss jedes Bild immer zusammen mit der Geschichte, der klinischen Untersuchung und dem neurologischen Befund beurteilt werden.

Warum das für Patientinnen und Patienten wichtig ist

Ein MRI kann mehrere Dinge gleichzeitig zeigen:

  • altersbedingte Veränderungen ohne Krankheitswert
  • einen Befund, der zu den Symptomen passt
  • Nebenbefunde, die zwar auffällig aussehen, aber nicht der Schmerzauslöser sind

Das Problem beginnt dann, wenn ein Bild zu früh oder ohne klare Fragestellung gemacht wird. Sowohl NICE als auch Choosing Wisely raten deshalb davon ab, bei akuten Kreuzschmerzen ohne Warnzeichen routinemässig früh zu röntgen oder ein MRI zu veranlassen. Frühzeitige Bildgebung verbessert das Ergebnis in vielen Fällen nicht, kann aber die Aufmerksamkeit auf Zufallsbefunde lenken.

Ein MRI ist dann hilfreich, wenn es die Behandlung verändert

Bildgebung ist sinnvoll, wenn:

  • starke oder fortschreitende neurologische Ausfälle bestehen
  • Blasen- oder Mastdarmstörungen auftreten
  • schwere oder anhaltende radikuläre Schmerzen bestehen
  • der Verdacht auf Fraktur, Infektion, Tumor oder andere ernste Ursachen vorliegt
  • eine spezialisierte Beurteilung ansteht und das Resultat die Therapie beeinflussen kann

Die richtige Frage ist also nicht: "Ist das MRI auffällig?", sondern: "Passt der Befund zu meinen Beschwerden und ändert er das therapeutische Vorgehen?"

Was Sie bei einem Bildbefund konkret fragen sollten

Wenn Ihnen ein MRI oder eine Röntgenuntersuchung erklärt wird, sind diese Fragen oft hilfreicher als die reine Befundliste:

  1. Welcher Befund passt wirklich zu meinen aktuellen Symptomen?
  2. Gibt es auch Zufallsbefunde oder altersbedingte Veränderungen?
  3. Würde sich die Behandlung ändern, wenn man dieses Bild nicht hätte?
  4. Gibt es klinische Zeichen, die den Bildbefund bestätigen?
  5. Ist eine Operation wegen der Symptome und des neurologischen Befunds sinnvoll oder nur wegen des Bildes?

Wann eine Zweitmeinung besonders wertvoll ist

Eine Zweitmeinung ist sinnvoll, wenn:

  • die Bildgebung dramatisch klingt, die Beschwerden aber unklar sind
  • verschiedene Ärztinnen oder Ärzte unterschiedliche Operationsvorschläge machen
  • die Erklärung des Befunds für Sie nicht nachvollziehbar ist
  • eine grössere Operation empfohlen wird, obwohl die klinische Situation nicht eindeutig wirkt

Gerade bei degenerativen Veränderungen ist die Übereinstimmung zwischen Bild und Beschwerden nicht immer eindeutig. Eine ruhige zweite Beurteilung kann helfen, unnötige Eingriffe zu vermeiden oder den richtigen Zeitpunkt für eine Operation besser einzuordnen.

Wichtige Warnzeichen

Unabhängig von jedem MRI gilt: Bei neu auftretender deutlicher Muskelschwäche, Taubheitsgefühl im Genital- oder Sattelbereich, Verlust der Blasen- oder Darmkontrolle, Fieber oder starken Schmerzen nach Trauma braucht es rasch ärztliche Abklärung.

Fazit

Bilder sind ein Werkzeug, kein Urteil. Gute Wirbelsäulenmedizin behandelt nicht den MRI-Befund, sondern den Menschen mit seinen Symptomen, seinem neurologischen Status und seinem Verlauf. Je grösser der Eingriff, desto wichtiger ist es, dass Bild, Untersuchung und Beschwerden wirklich zusammenpassen.

Weiterführende Hilfe

Weiterführende Informationen

Dr. med. Christian R. Etter
Dr. med. Christian R. Etter
Facharzt FMH fuer Orthopaedie und Unfallchirurgie

Ueber 30 Jahre Erfahrung in der Wirbelsaeulenchirurgie. Gruender des SpinaSana Zweitmeinungszentrums.

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